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Wie Apple mit Journalismus Geld verdienen will

2019-02-20T19:44:45+00:0028.02.2019|Kategorien: Allgemein, Blog, International, Journalismus|Tags: , , , , |

Auch Apple gerät mal ins Straucheln. Ziemlich überraschend musste der einst wertvollste Konzern der Welt Anfang Januar eingestehen, dass sich die Geschäfte im Weihnachtsquartal nicht annähernd so gut entwickelt haben, wie mit dem Launch des neuen iPhone erwartet. CEO Tim Cook wird jedoch nicht müde zu betonen, dass der erfolgsverwöhnte Kultkonzern aus Cupertino einen neuen Wachstumstreiber für die Zukunft hat: die Servicesparte.

Nach Analystenmeinung könnte das Geschäft mit Apple Music, iTunes, dem App Store, der iCloud, Apple Pay und anderen Internetdiensten bis 2023 jährlich schon einen Umsatz von 100 Milliarden Dollar generieren. Zum Puzzleteil könnte dabei ein Dienst werden, den es bis heute noch gar nicht gibt: ein Angebot, das in der Branche bereits als „Netflix des Journalismus“ die Runde macht.

Lange Verbindung zur Verlagsbranche 

Apples Interesse an der Verlagsbranche geht weit zurück. Als Steve Jobs 2010 das iPad enthüllte, löste das bei Axel Springer-CEO Mathias Döpfner Begeisterungsstürme aus. „Jeder Verleger sollte sich einmal am Tag hinsetzen, beten und Steve Jobs dafür danken, dass er mit diesem Gerät die Verlagsindustrie rettet“, erklärte der Springer-Chef seinerzeit beim US-Talker Charlie Rose.

Die Hoffnungen der Verlagsbranche erfüllten sich durch das Apple-Tablet zwar eher nicht, dafür startete der iKonzern im Herbst 2015 in den USA, Großbritannien und Australien für iOS-Geräte den News-Aggregator Apple News, der unter der Führung der früheren New York Magazine-Chefredakteurin Lauren Kern für iPhone- und iPad-Nutzer interessante Nachrichten redaktionell kuratiert.

Akquisition von Texture soll zu neuem Content-Angebot führen

Was dem App-Angebot bislang noch fehlt, sind die exklusiven Inhalte. Taten ließ Apple drei Jahre später mit der Übernahme des Abonnement-Dienstes Texture folgen, der ein Sortiment aus 200 Qualitätsmagazinen im Digitalformat zu einer Flatrate von 9,99 Dollar im Monat anbietet – darunter Time, Elle, Vogue, People, Esquire, Vanity Fair, GQ, The New Yorker, Rolling Stone oder Wired.

„Wir setzen uns für Qualitätsjournalismus aus vertrauenswürdigen Quellen ein und werden unterstützen, dass weiterhin Magazine mit schön gestalteten und ansprechenden Geschichten für die Nutzer produziert werden”, erklärte Apples Content-Chef Eddy Cue die Akquisition.

Was bringt Verlagen ein Apple-Premium-Content-Angebot?

Die Übernahme von Texture dürfte in diesem Jahr Wirkung zeigen und der Dienst in Apple News integriert werden, das es bereits auf 90 Millionen Leser im Monat bringt.

So könnte Apple nach einem Bericht von Bloomberg bereits im Frühjahr in den USA einen neuen Abo-Dienst für journalistische Qualitätsinhalte zum Bündelpreis anbieten (wie Netflix, Spotify oder Apple Music). Gerüchten zufolge bemüht sich Apple darum, neben den bestehenden Vertragspartnern von Texture auch die führenden US-Qualitätszeitungen in das neue Premium-News-Angebot einzubinden – die New York Times, Washington Post und das Wall Street Journal.

„Was Apple gibt, kann Apple auch wieder wegnehmen“

Allein: Noch haben Verlage scheinbar kein Feuer gefangen. So erscheint eine Kannibalisierung des eigenständigen Digitalgeschäfts im Falle einer pauschalen Integration in Apples neues Premium-News-Angebot als realistische Bedrohung, kosten die Digital-Abos der drei US-Qualitätszeitungen aktuell doch mitunter deutlich mehr als 10 Dollar im Monat.

„Wenn ich eine Zeitung wäre, wäre ich vorsichtig, weil ich ein Gefühl dafür haben müsste, wie viel meines Umsatzes ich verlieren könnte“, gibt sich Reporter-Veteran und Bestseller-Autor Steven Brill gegenüber Bloomberg skeptisch. Zumal jüngsten Berichten zufolge Apple mittlerweile über einen Erlösanteil von etwa 50 Prozent, statt der bislang üblichen 30 Prozent spricht.

Alternativ könnte Apple möglicherweise bereit sein, den US-Zeitungsikonen ein individuelles Abo-Zahlungsmodell innerhalb der App zu gewähren. Bill Grueskin, Professor an der Columbia University for Journalism, gibt ebenfalls zu bedenken, dass Verlage sich bewusst sein sollten, worauf sie sich bei einem Deal mit dem US-Techschwergewicht einlassen.

„Was Apple gibt, kann Apple auch wieder wegnehmen“, erklärt Grueskin gegenüber der New York Times. Verlage würden in Gänze in der Abhängigkeit von Apple agieren. Dass der Schritt tatsächlich nicht unbedingt nötig ist, dokumentieren die gute Geschäftsentwicklung der New York Times & Co.: Anders als bei der Einführung des iPads vor neun Jahren scheint es nunmehr fast so, als bräuchte Apple Verlage zur Unterstützung seines Premium-News-Dienstes mehr als umgekehrt.

Der Autor

Nils Jacobsen
Nils Jacobsen
Nils Jacobsen ist Wirtschaftsjournalist und Techreporter in Hamburg. Der studierte Medienwissenschaftler und Buchautor („Das Apple-Imperium“ / „Das Apple-Imperium 2.0“ ) berichtet seit 20 Jahren über die Entwicklung der Aktienmärkte und digitalen Wirtschaft: seit 2008 täglich für den Branchendienst MEEDIA, in einer wöchentlichen Kolumne für Yahoo Finanzen und in monatlichen Reportagen für die Marketingzeitschrift absatzwirtschaft. Jacobsen war zudem als Chefredakteur der Portale CURVED, clickfish, US FINANCE und YEALD aktiv.