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Junge Publisher lieben Print – wie die Independent Magazine-Szene sich für gedruckte Zeitschriften begeistert

2019-10-14T09:36:39+02:0002.10.2019|Kategorien: Allgemein, Blog, International, Journalismus|Tags: , , , |

Es sind Webdesigner, junge Autorinnen und Redakteure, Podcasterinnen oder Projektmanager bei digitalen Think Tanks – und sie machen gedruckte Magazine. Aus eigener Kraft mit viel Engagement, Mut und großer Begeisterung.

„It is all about ink on paper.” – Darum ging es beim diesjährigen Indiecon-Festival der unabhängigen Magazin-Publisher im Hamburger Oberhafen. Nur wenige Hundert Meter entfernt vom großen Verlagsgebäude des Spiegel trafen sich in einer ehemaligen Lagerhalle junge Magazin-Macher aus aller Welt, um sich untereinander auszutauschen, ihre Produkte vorzustellen und zu verkaufen.

Die Gründer und Macher der Indie Mags sind überwiegend jung und digital versiert und suchen oftmals gerade deshalb nach Ausdrucksformen in anfassbaren Medien und einem Ausgleich zum „digital overload“.

Digitale Technologien senken Markteintrittsbarrieren

Dabei waren es gerade die von der Digitalisierung getriebenen, rasanten technologischen Entwicklungen, die die Grundlage dafür gelegt haben, dass diese kreativen Vorhaben auch tatsächlich umgesetzt werden können. Mit relativ geringem Aufwand können Zeitschriften von kleinen Teams mit geringen finanziellen Mitteln erstellt werden und auch in Klein- und Kleinstauflagen gedruckt werden.

Digitale Shop-Systeme machen die Angebote weltweit sichtbar und bestellbar und die sozialen Medien bieten neue Formen von Bewerbung und Kommunikation. Layout-Programme, Bild- und Textbearbeitungsmöglichkeiten haben die Eintrittshürden für den Marktzutritt ebenso gesenkt, wie die immer besseren den Möglichkeiten einer internationalen kreativen Vernetzung inklusive schnellem Datenaustausch und neuen Arbeitsformen.

Magazinmacher Kai Brach etwa arbeitet denn auch in Melbourne und lässt sein Magazin „Offscreen“ in Berlin drucken. „Offscreen“ soll die „menschliche Seite von Technologie und Web“ zeigen und helfen, sich vom „Always on“-Lebensstil zu entkoppeln.

Menschen wie ihn kann man als Print-Influencer bezeichnen. Um ihn, wie um viele andere Akteure herum, hat sich eine ganz eigene Fan-Gemeinde entwickelt. Und dort findet der Austausch überwiegend digital statt. Die wichtigste Plattform dazu ist fast immer Instagram, das die visuellen Qualitäten der Produkte am besten transportieren kann.

Internationale Ausrichtung der Indie Magazine-Szene

Die Sprache der Independent Magazines ist ganz überwiegend englisch, damit sie sich einem internationalen Publikum präsentieren lassen und in aller Welt ihre Käufer finden können. Ländergrenzen spielen sowohl bei den Machern als auch bei den Adressaten eine geringe Rolle. So wurde Kinfolk in Portland, USA, gegründet, erscheint nunmehr aber in Kopenhagen und beeinflusst mittlerweile Design- und Lifestyle-Trends in aller Welt – nicht zuletzt dank 1,4 Millionen Instagram-Fans.

Am anderen Ende finden sich ganz spezielle Angebote wie das „Market Cafe Magazine“ zum Thema Daten-Visualisierung, das bei einer Gesamtauflage von nur 650 Exemplaren jedes Heft mit einer Nummer versieht – vergleichbar mit einem limitierten Kunstdruck. Für einige IndieMag-Afficionados macht genau diese Begrenztheit des Angebotes einen Teil des Reizes der Independent Szene aus.

Niedrige Erscheinungsfrequenz, hohe Copypreise, (fast) keine Daten

Rein quantitativ betrachtet ist die Independent Magazine-Szene unübersichtlich und nur schwer fassbar. Es gibt keine einheitlichen Datenquellen, keine klaren Organisationen. Magazine kommen und gehen, Erscheinungsfrequenzen ändern sich, Bezugswege und Finanzierungsformen variieren von Titel zu Titel. Offen kommunizierte Auflagenzahlen sind die Ausnahme ebenso wie Anzeigenpreislisten, feste Erscheinungstermine und Vermarktungsteams.

Hohe Copypreise sind für die Independent Magazines aber nicht nur aufgrund der oftmals aufwendigen Druckverfahren, zum Teil mit verschiedenen Papiersorten, zur Deckung der Herstellkosten zwingend notwendig. Die Vertriebserlöse sind die mit Abstand wichtigste und oftmals auch die einzige Erlösquelle für die Magazin-Macher. Nur wenige Akteure verfügen über gut vermarktbare Magazin-Inhalte, die entsprechenden Auflagenhöhen oder Vermarkter, um nennenswerte Anzeigenerlöse zu generieren.

Leidenschaft als treibende Kraft

Aber wirtschaftlicher Erfolg und klassische Gewinnerzielung steht für die meisten Magazinmacher nicht im Vordergrund. Treibende Kraft ist die Leidenschaft für das Magazinmachen, das kreative Ausleben und Themen, die Macher und spezielle Zielgruppen begeistern.

„Bei Independent Magazines sind die Chefinnen und Chefs, die die finanziellen Entscheidungen treffen, gleichzeitig auch die kreativen Macherinnen oder Macher“ so Malte Brenneisen selbst Herausgeber und Mitgründer des Independent Publishing Festivals „Indiecon“ in Hamburg. „Und die wollen häufig gar nicht, dass das Magazin zur Hauptquelle ihres Broterwerbs wird, damit sie sich ihre Unabhängigkeit bewahren können“ so Brenneisen weiter.

Grenzen zu klassischen Magazinen sind fließend

Dennoch sind die Grenzen zu „klassischen“ Magazinen und Verlagen nicht so streng, wie es im ersten Moment oft klingt: “Wir haben festgestellt, dass alle Grenzen fließend sind. Es gibt unabhängige Denkerinnen und Denker in etablierten Verlagshäusern, die visionär denken und träumen. Und es gibt Controller unter den unabhängigen Publishern, die dazu neigen Ideen auf ihr monetäres Potenzial zu reduzieren,“ fasst es Annika Dorau von Die Brueder Publishing auf der Indiecon in Hamburg im September 2019 zusammen. „Und wir haben festgestellt, dass viele Menschen sich zwischen diesen Welten bewegen – so wie wir: Menschen, die inspiriert und begeistert sind von ihren freien Projekten, die aber auch die Kraft größerer Unternehmen nutzen, um ihre Botschaften zu verbreiten“.

Wer gern noch weiter in die IndieMag-Szene einsteigen möchte, der kann zum Beispiel bei einem der Spezialhändler wie Do your read me?!, Berlin, Soda Books, München, oder CoffeTableMags, Hamburg, stöbern. Oder man abonniert einfach eine Art IndieMag-Wundertüte bei Stack, London oder Gudberg Nerger, Hamburg und lässt sich jeden Monat mit einem anderen Magazin überraschen.

Mehr zum Thema Independent Magazine finden Sie auch in der digitalen Ausgabe der Print & More.

Der Autor

Christiane Dähn
Christiane Dähn
Christiane Dähn ist Projektleiterin im Büro Bardohn in Hamburg. Nach ihrem Studium in Betriebswirtschaft und Journalistik an der Universität Hamburg, kümmerte sie sich bei Gruner + Jahr (Stern, Brigitte) und im Zeit-Verlag um Marketing, Anzeigenverkauf, Marktforschung und Verlagsgeschäfte.