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Erfolgsstory „The Economist“: Die digitale Zeitenwende treibt das Umsatzwachstum

2018-11-13T18:06:20+00:00 16.11.2018|Kategorien: Allgemein, Blog, International, Journalismus|Tags: , , , |

Es begann mit einer Auseinandersetzung über protektionistische Mais-Gesetze in Großbritannien im 19. Jahrhundert, die James Wilson missfielen. Nach Meinung des schottischen Hutmachers waren die hohen Einfuhrzölle auf Korn äußerst hinderlich für die Brotherstellung, was Hungersnöte zur Regel machte. Wilson suchte nach einem Forum für seinen Widerspruch gegen die rückwärtsgewandte Politik und gründete 1843 die Zeitschrift „The Economist“, in der er nach den Lehren des Nationalökonomen Adam Smith („Der Wohlstand der Nationen“) den freien Handel propagierte und dabei Geschäftsmänner erreichen wollte. 1846 wurde das umstrittene Gesetz abgeschafft, doch The Economist hatte seine Stimme gefunden.

The Economist Group verbucht den größten Umsatz aller Zeiten

172 Jahre später setzt sich das Wochenmagazin liberaler Prägung immer noch engagiert mit wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Themen wie dem Brexit oder der Trump-Ära auseinander – und das geschäftstüchtiger denn je. Das britische Vorzeigemedium, das unter anderem für den von ihm entwickelten und regelmäßig veröffentlichten Big-Mac-Index weltweite Bekanntheit erlangt hat, ist auch im Digitalzeitalter eine anhaltende Erfolgsstory, wie die Geschäftsentwicklung des Mutterkonzerns The Economist Group verdeutlicht.

Im Ende März abgelaufenen Geschäftsjahr 2017/18 konnte die britische Verlagsgruppe mit 367 Millionen Pfund den höchsten Umsatz der 175-jährigen Unternehmenshistorie und operative Gewinne in Höhe von 47 Millionen Pfund einfahren. Die Briten mit Redaktionshauptsitz in London geben zudem traditionell einen penibel genauen Einblick in ihre Auflagen- und Abonnemententwicklung, die dem Audit Bureau of Circulations (ABC) vorliegen.

Vertriebserlöse legen um 14 Prozent zu

So legte die weltweite Verkaufsauflage (Print und Digital) in den ersten sechs Monaten 2018 um 1,4 Prozent auf eine Zirkulation von 1,41 Millionen Exemplaren pro Ausgabe zu, während die dadurch generierten Vertriebserlöse im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gar um 14 Prozent anzogen.

Treiber der Geschäftsdynamik ist die Online-Sparte, die im ersten Halbjahr 2018 bereits 462.000 ausschließliche Digitalabonnenten zählt – ein Plus von 15 Prozent. Das Printmagazin wird mit einer Auflage von wöchentlich 949.000 Exemplaren immer noch doppelt so häufig gekauft wie die Digitalausgabe, doch das Absatzverhältnis veränderte sich von 72:28 auf 67:33 Prozent zugunsten der Online-Inhalte.

Digitale Leserschaft in Lateinamerika am stärksten verbreitet

Der Löwenanteil der Leserschaft kommt erwartungsgemäß aus Nordamerika, wo The Economist in der ersten Jahreshälfte etwa die Hälfte seiner Ausgaben verkauft hat (533.000 Print-Exemplare, das entspricht 56 Prozent aller Heftverkäufe und 224.000 Digital-Magazine, 48 Prozent aller digital-verkauften Exemplare). Es folgen der britische Heimatmarkt mit Gesamtanteilen von 18 (Print) beziehungsweise 21 Prozent (Digital) und Kontinentaleuropa mit einem Anteil von 15 (Print) beziehungsweise 14 Prozent (Digital). (In Deutschland lag die wöchentliche Ausgabe des Economist inklusive der Digitalausgabe im ersten Halbjahr des vergangenen Jahres bei rund 28.000 Exemplaren.)

Interessant ist, wie dynamisch sich der Paradigmenwechsel zwischen Print und Online unterdessen in Lateinamerika vollzogen hat: Im ersten Halbjahr kommt die Digitalausgabe hier bereits auf zwei Drittel der Gesamtauflage. Keine Frage: Adam Smith hätte an der Entwicklung seine wahre Freude gehabt – die unsichtbare Hand des Marktes favorisiert eindeutig die digitale Zeitenwende.

Der Autor

Nils Jacobsen
Nils Jacobsen
Nils Jacobsen ist Wirtschaftsjournalist und Techreporter in Hamburg. Der studierte Medienwissenschaftler und Buchautor („Das Apple-Imperium“ / „Das Apple-Imperium 2.0“ ) berichtet seit 20 Jahren über die Entwicklung der Aktienmärkte und digitalen Wirtschaft: seit 2008 täglich für den Branchendienst MEEDIA, in einer wöchentlichen Kolumne für Yahoo Finanzen und in monatlichen Reportagen für die Marketingzeitschrift absatzwirtschaft. Jacobsen war zudem als Chefredakteur der Portale CURVED, clickfish, US FINANCE und YEALD aktiv.