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E-READ-Studie: was digitale von gedruckten Texten unterscheidet

2019-02-06T15:22:55+00:0007.02.2019|Kategorien: Blog, International, Umfeldqualität, Werbewirkung|Tags: , , , , , , |

In der Diskussion über die Digitalisierung, stehen sich Heilsverkünder und Apokalyptiker oft wie lärmende Hooligans gegenüber. Beide wähnen sich in einer „Attention Economy“, in der es auf rhetorische Pyrotechnik ankomme. Ganz anders die Forschungsinitiative E-READ: Sie gibt mit Bedacht auch das zu Protokoll, was sie nicht weiß.

Das E-Read-Netzwerk

E-READ steht für Evolution of Reading in the Age of Digitisation. Das Netzwerk bringt fast 200 Sozialwissenschaftler, Neurowissenschaftler und Geisteswissenschaftler in empirischen Projekten zusammen, um zu erforschen, was die Bildschirmrevolution für die Kulturtechnik des Lesens bedeutet.

Mit einer gemeinsamen Erklärung, die sie im norwegischen Stavanger verabschiedeten, sind die Forscher an die Öffentlichkeit getreten. Sie nennen gesicherte Befunde, geben Empfehlungen für den Bildungssektor und listen noch offene Forschungsfragen auf. Die deutschsprachige Version der Stavanger-Erklärung wurde kürzlich von der F.A.Z. veröffentlicht.

Im Digitalen überschätzen wir eher unser Verständnis

Was die Befunde angeht, berufen sich die Forscher auf eine Metastudie mit 54 Untersuchungen und zusammen über 170.000 Teilnehmern. Demnach ist „das Verständnis langer Informationstexte beim Lesen auf Papier besser als beim Bildschirmlesen, insbesondere wenn die Leser unter Zeitdruck stehen.“ Im Digitalen, so die Forscher, würden Leser zudem stärker dazu neigen, ihre Verständnisfähigkeit zu überschätzen. Keine Unterschiede wurden bei narrativen Texten festgestellt.

Empfehlungen für Lernmaterialien

In der Grundschule, so eine der Empfehlungen, dürfe man nicht wahllos und unreflektiert Papier und Stift durch digitale Lerntools ersetzen. Bei der Entwicklung von Lernmaterial und Software solle man neue Erkenntnisse aus der Theorie der Embodied Cognition berücksichtigen. Diese Theorie betont die Wechselwirkung zwischen Kognition, Sensorik und Motorik. Wie wir denken und lernen, hängt nicht allein von den Gehirnzellen ab, sondern von unserer ganzen Physis.

Einige Fragen bleiben noch offen

Eine der offenen Forschungsfragen lautet, ob unsere Anfälligkeit für Fake News und Vorurteile durch übersteigertes Vertrauen in unsere digitale Lesefähigkeit verstärkt wird. Weiter zu untersuchen ist auch, in welchen Lesekontexten die digitale Welt den größten Nutzen verspricht und wie die tiefere Verarbeitung von Bildschirmtexten gefördert werden könnte.

Die Forscher, die seit vier Jahren zusammenarbeiten, sehen viel Arbeit vor sich: „In der hybriden Leseumgebung von Papier und Bildschirmen, in der wir heute leben, werden wir herausfinden müssen, wie wir die jeweiligen Vorteile des Papiers und der digitalen Technologien in unterschiedlichen Altersgruppen und mit unterschiedlichen Zielsetzungen am besten nutzen können.“

Dr. Uwe Sander
Dr. Uwe Sander
Der gelernte Volkswirt arbeitete nach einigen Jahren in der empirischen Wirtschaftsforschung von 1984 bis 2014 in verschiedenen Funktionen beim Verlag Gruner+Jahr, u.a. für die Titel Capital, Stern, GEO und Art. Heute ist er freiberuflich als Autor und Berater tätig. Sein besonderes Interesse gilt der Entwicklung des digitalen Journalismus.