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Editorial Media in den USA: Digitaler Marktführer in Reichweite, nur nicht im Umsatz

Die aggressive Haltung des neuen Präsidenten gegenüber den Medien verdeutlicht vielen Amerikanern, wie wichtig eine unabhängige „vierte Gewalt“ ist. Doch wie steht es inmitten des digitalen Strukturwandels um die Chancen von Verlagen und Redaktionen, ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit langfristig zu sichern?

Editorial Media führen nach Digitalreichweite

Die in den USA gebräuchliche digitale Reichweitenmetrik „Unique Visitor“ (Gegenstück zum Unique User der deutschen AGOF) stammt von der Firma Comscore. Comscore weist (anders als die AGOF in Deutschland) auch Reichweitengiganten wie Google und Amazon, Facebook und LinkedIn aus. Auf dieser Grundlage lässt sich abschätzen, wie die Reichweiten sich auf Editorial Media, Functional Media und Social Media verteilen. Nimmt man die 50 führenden Anbieter im Dezember 2016, so erzielten sie eine Bruttoreichweite von 5,1 Milliarden. 50 Prozent entfielen auf 28 einzeln ausgewiesene Editorial Media. Darunter sind Websites der TV-Sender wie NBC und CBS, der Magazinverlage wie Time Inc. und Condé Nast, der großen Zeitungsmarken wie New York Times und Washington Post. Aber auch Digital-Only-Companies wie BuzzFeed und Vox Media sowie Streaming-Dienste wie Netflix und Pandora. 14 verschiedene Functional Media, darunter z.B. Google, Yahoo, Amazon, eBay und PayPal, kamen zusammen auf 34 Prozent.

Acht Anbieter aus dem Bereich Social Media – an der Spitze Facebook, LinkedIn, Twitter und Pinterest – erreichten zusammen 16 Prozent der Bruttoreichweite.

Editorial Media erzielen also in der Summe eine weit höhere Bruttoreichweite als jede der anderen beiden Medienkategorien. Dabei war der Dezember in den USA ein „ruhiger“ Monat, was die Nachrichtenlage anging. Der November mit der Präsidentschaftswahl und der Januar mit der Inauguration Donald Trumps würden die Dominanz der journalistischen Nachrichtenmedien noch deutlicher hervortreten lassen. Im Übrigen gibt es jenseits der Top 50 natürlich viele kleinere Verlage, E-Commerce-Firmen und soziale Netzwerke. Die Struktur dürfte aber ähnlich wie bei den Top 50 ausfallen.

Google und Facebook führen nach Werbeumsatz

Google erreichte im Dezember 247 Millionen US-Besucher, Facebook 209 Millionen. Das mutet eindrucksvoll an, doch bezogen auf die Reichweite der Top 50 sind es zusammen gerade mal neun Prozent. Von den digitalen US-Werbeumsätzen konnten sich die beiden Unternehmen aber schon 2015 nicht weniger als 64 Prozent sichern. Die absoluten Zahlen nach der Schätzung von Pivotal Research: 30 Milliarden Dollar US-Werbeumsatz machte Google, acht Milliarden Dollar waren es bei Facebook. Auf 59,6 Milliarden beliefen sich laut Internet Advertising Bureau die digitalen Werbeaufwendungen in den USA insgesamt. Zahlen für das Gesamtjahr 2016 stehen noch aus. Quartalsdaten deuten darauf hin, dass Google und Facebook ihren Marktanteil noch ausbauen konnten. Ein Duopol habe dank seiner reichhaltigen Daten über Konsumentenwünsche den digitalen Werbemarkt übernommen, konstatiert Fortune-Redakteur Matthew Ingram.

Viele Verlage haben deshalb im letzten Jahr ihre Bemühungen um digitale Vertriebserlöse verstärkt. Durchaus mit Erfolg. Nach der New York Times melden jetzt auch Magazine wie The Atlantic und The New Yorker  einen „Trump Bump“ bei den jüngsten Abo-Zahlen.

Der Autor

Dr. Uwe Sander
Dr. Uwe Sander
Der gelernte Volkswirt arbeitete nach einigen Jahren in der empirischen Wirtschaftsforschung von 1984 bis 2014 in verschiedenen Funktionen beim Verlag Gruner+Jahr, u.a. für die Titel Capital, Stern, GEO und Art. Heute ist er freiberuflich als Autor und Berater tätig. Sein besonderes Interesse gilt der Entwicklung des digitalen Journalismus.