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Blick in die Glaskugel: Zukunftstrends der Medienbranche

2019-03-06T09:58:31+01:0014.03.2019|Kategorien: Allgemein, Blog, International, Journalismus|Tags: , , , |

Es ist die Pflichtlektüre der Medienbranche: Mehrfach jährlich gibt das Reuters Institute for the Study of Journalism in Zusammenarbeit mit der Universität Oxford den Digital News Report heraus, der mikroskopisch genau die Entwicklung und Stimmung in der Verlagsbranche einfängt und beleuchtet.

Zum Auftakt des neuen Medienjahres haben die Briten unter Leitung des Ex-BBC-Veteranen Nic Newman eine 50-Seiten starke Studie, für die 200 Chefredakteure, CEOs oder Digitalmanager aus 29 Ländern interviewt wurden, mit Prognosen veröffentlicht, die dem Paradigmenwechsel des Journalismus im Digitalzeitalter Rechnung tragen.

Abo-Modell wichtigste Erlösquelle

So hat Reuters zahlreiche überraschende und einige doch absehbare Megatrends identifiziert. Den Kern des Geschäftsmodells der Zukunft sehen Verleger und Verlagsmanager in einer Kombination aus Display-Werbung (81 Prozent) und Abonnements und Mitgliedschaften (78 Prozent), dicht gefolgt von Native Advertising (75 Prozent).

Die Idee, dass Qualitätsjournalismus subventioniert werden sollte, findet unter Digitalentscheidern 2019 größere Verbreitung: Immerhin 29 Prozent rechnen damit, dass Stiftungen und Non-Profit-Organisationen einen Beitrag dazu leisten werden, um Journalismus zu finanzieren. Nur noch 18 Prozent rechnen mit Unterstützung von Technologieplattformen und nur 11 Prozent mit Bezuschussungen von Regierungen.

Facebook verliert dramatisch an Relevanz

Die zunehmende Skepsis gegenüber den immer mächtigeren Tech-Giganten aus dem Silicon Valley mündet in der zweiten wichtigen Erkenntnis. Facebook, das sich lange mit seinem Newsfeed und neuen Werbeformaten wie Instant Articles als vermeintlicher Freund des Journalismus angedient hat, verliert nach den zahlreichen Daten- und Fake-News-Skandalen und der Neu-Priorisierung des Newsfeeds an Relevanz – sowohl als Erlösquelle als auch als Reichweitenverstärker.

Nur noch 43 Prozent der Befragten gaben an, dass sie das weltgrößte Social Network in diesem Jahr für „wichtig“ oder „sehr wichtig“ halten würden. Bezeichnenderweise eine ebenso große Bedeutung messen Verlagsentscheider dem mit Ausnahme von Großbritannien noch gar nicht in Europa gestarteten neuen Abo-Dienst Apple News bei. Die mit 87 Prozent mit Abstand größte Relevanz für die Branche bei Reichweite und Erlösgewinnung besitzt weiter Google durch das bewährte Erfolgsmodell der Suche in Google News. (Google hat das Reuters Institute for the Study of Journalism bei der Studie mit unterstützt.)

Wette auf neue Technologien, Plattformen und Formate

Die interessanten Erkenntnisse des Ausblicks auf 2019 kommen freilich in der Bewertung von neuen Zukunftsperspektiven. So rechnen 78 Prozent der Befragten damit, dass größere Investments in künstliche Intelligenz (KI) nötig seien, um in Zukunft gut aufgestellt zu sein – allerdings nicht als Ersatz von menschlichen Arbeitskräften.

Eine mit 75 Prozent fast ebenso hohe Anzahl von Verlegern erwartet, dass der Podcast-Boom anhält und weiter an Bedeutung für die Entwicklung des Kerngeschäfts gewinnt. Synchron dazu rechnen 78 Prozent damit, dass sprachgesteuerte Technologieanwendungen wie Amazon Alexa und Google Assistant eine wesentliche Rolle dabei spielen werden, wie Inhalte in den nächsten Jahren konsumiert werden.

Instagram Stories und Slow News auf dem Vormarsch

Interessant zudem: Während Facebook an Bedeutung verliert, gewinnt gleichzeitig die Tochter Instagram bei Inhalteproduzenten an Relevanz. So wird das boomende Fotonetzwerk von Digitalchefs mit 31 vs. 29 Prozent bereits als relevanter als die Journalistendomäne Twitter erachtet.

In der Formatentwicklung kristallisieren sich zudem neue Favoriten heraus: Die befragten Verlagsmanager rechnen damit, dass das von Snapchat eingeführte und von Instagram und am Ende auch von Facebook kopierte Stories-Format beim Storytelling und der Distribution von Inhalten eine weitaus stärkere Verbreitung erfährt.

Einen Gegentrend zum durch die sozialen Medien geförderten (Fake-) News-Overkill könnten sogenannte „Slow News“ wie das über Kickstarter finanzierte Projekt Tortoise Media sein, das im April starten und sich lediglich auf fünf relevante Artikel am Tag abseits der Breaking News beschränken will. Bislang hat selbiges noch nicht viel Aufsehen erregt, bleibt abzuwarten, welche Prognosen sich tatsächlich erfüllen werden.

Der Autor

Nils Jacobsen
Nils Jacobsen
Nils Jacobsen ist Wirtschaftsjournalist und Techreporter in Hamburg. Der studierte Medienwissenschaftler und Buchautor („Das Apple-Imperium“ / „Das Apple-Imperium 2.0“ ) berichtet seit 20 Jahren über die Entwicklung der Aktienmärkte und digitalen Wirtschaft: seit 2008 täglich für den Branchendienst MEEDIA, in einer wöchentlichen Kolumne für Yahoo Finanzen und in monatlichen Reportagen für die Marketingzeitschrift absatzwirtschaft. Jacobsen war zudem als Chefredakteur der Portale CURVED, clickfish, US FINANCE und YEALD aktiv.