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Politico-Studie: wenn Presse als Kompass fehlt

2018-04-23T11:44:54+00:00 27.04.2018|Kategorien: Blog, Umfeldqualität, Werbewirkung|Tags: , , , , |

„Donald Trump triumphiert in Nachrichtenwüsten.“ So lautet das Fazit einer Analyse, die kürzlich von der US-Zeitung Politico veröffentlicht wurde.

Mit „Nachrichtenwüsten“ („news deserts“) sind US-Counties gemeint, in denen die Presse extrem niedrige Abonnentenzahlen aufweist. Die Abo-Zahlen von gut tausend Publikationen in insgesamt 2.900 Landkreisen wurden Politico von der Alliance for Audited Media (AAM) zur Verfügung gestellt. AAM ist das amerikanische Pendant zur deutschen IVW. Fast alle Tageszeitungen melden der AAM ihre Abo-Zahlen für Print und online.

Zusammenhang: Abo-Zahlen und Wahlergebnisse

Die Politico-Redakteure verglichen sodann die Abo-Zahlen in jedem Landkreis mit den Ergebnissen der Präsidentschaftswahlen. Dabei zeigt sich eine deutliche Korrelation zwischen niedrigen Abo-Zahlen und Trump-Erfolgen. Dies galt auf zwei Vergleichsebenen:

  • im direkten Vergleich zwischen Donald Trump und Hillary Clinton bei den Präsidentschaftswahlen von 2016 und
  • im Vergleich der Ergebnisse zwischen Donald Trump 2016 und Mitt Romney (Romney hatte damals als republikanischer Kandidat die Präsidentschaftswahl gegen Obama verloren)

Die Zusammenhänge erwiesen sich auch dann als statistisch signifikant, wenn mögliche Einflussfaktoren auf die Wahlentscheidung – etwa Bildungsgrad und Berufstätigkeit – herausgerechnet wurden. Trump hat also offenbar davon profitiert, dass es vor Ort am Journalismus zur Überprüfung seiner Aussagen mangelte.

Bild-Politico

Bei der Betrachtung der Ergebnisse nach Wahlkreisen ging Trumps Anteil an den Wählerstimmen zurück, wenn die Durchdringung mit bezahlten Abonnements für die Nachrichtenmedien zunahm: für jede 10 Prozent aller Haushalte, die in einer Region über ein Abonnement verfügten sank Trumps Wähleranteil im Durchschnitt um 0,5 Prozentpunkte, so Politico.

Auf der Suche nach Orientierungsmöglichkeiten

„Wenn die Zeitung als Kompass fehlt, suchen die Leute nach anderen Orientierungsmöglichkeiten“, erklärt Penny Abernathy von der Universität in North Carolina. Die fanden sie vielfach bei Facebook, Twitter & Co. Allein zwischen den Wahlen von 2012 und 2016 sanken die Abo-Zahlen der Presse um 19 Prozent. In der gleichen Zeit verdoppelte Twitter seine Nutzerzahl. Facebook hatte 2012 die Gewinnschwelle noch gar nicht ganz erreicht, während für 2016 ein satter Gewinn von 10,2 Milliarden Dollar gemeldet wurde. Trump selbst kommuniziert direkt mit 50 Millionen Twitter-Followern, während die Auflage sämtlicher US-Zeitungen sich werktags auf 35 Millionen und sonntags auf 38 Millionen beläuft.

Rückzug des Journalismus aus der Fläche

In den USA hat der Vertrauensverlust in Medien auch mit dem Rückzug des Journalismus aus der Fläche zu tun. Lokaljournalismus ist im Allgemeinen pragmatisch ausgerichtet und polarisiert vergleichsweise wenig. Und die Menschen trauen dem Journalismus mehr, wenn sie gelegentlich leibhaftige Reporter sehen, die sich auf Events bis in den späten Abend mit Recherchen abmühen.

Die New York Times hat für sich Konsequenzen gezogen. Unter dem Motto The Times in Person lässt sie Reporter systematisch in sogenannte fly-over-states ausschwärmen.

Auch digitale Nachrichtenmedien wie BuzzFeed bemühen sich um das Vertrauen der Leserschaft, zum Beispiel durch Aufdeckung zweifelhafter Nachrichtenquellen und „Fake News“. „Medienkompetenz und verlässliche Journalisten werden in Zukunft wichtiger denn je sein.“, so Jonah Peretti, Mitbegründer der Huffington Post und BuzzFeed.

Dr. Uwe Sander
Dr. Uwe Sander
Der gelernte Volkswirt arbeitete nach einigen Jahren in der empirischen Wirtschaftsforschung von 1984 bis 2014 in verschiedenen Funktionen beim Verlag Gruner+Jahr, u.a. für die Titel Capital, Stern, GEO und Art. Heute ist er freiberuflich als Autor und Berater tätig. Sein besonderes Interesse gilt der Entwicklung des digitalen Journalismus.