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The Athletic: wie ein Start-up aus dem Silicon Valley den Sportjournalismus revolutioniert

2019-10-16T10:53:25+01:0018.10.2019|Kategorien: Allgemein, Blog, International, Journalismus, Umfeldqualität|Tags: , , , |

Während einige US-Titel, wie das Vice Magazine, BuzzFeed oder Refinery29, im ersten Halbjahr 2019 Federn lassen mussten, setzte eine neue Online-Only-Publikation ein deutliches Ausrufezeichen dagegen: The Athletic.

The Athletic? Diesseits des Atlantiks haben Leser vielleicht in ihren Facebook-Feeds von der neuen US-Sportpublikation gehört. Dort pusht das Magazin seine populärsten Storys auch für europäische Fußballfans. „Warum Liverpool gut daran tat, Philippe Coutinho vor den Kopf zu stoßen“, lautet beispielsweise der Titel einer Analyse zu der geplatzten Rückholaktion des Brasilianers zum Champions League-Sieger.

Von 0 auf 1.800 Journalisten in weniger als drei Jahren

„The New Standard of Sports Journalism“ – The Athletic verschreibt sich dem Qualitätsjournalismus. Und wer die Analysen und Essays lesen will, muss in gewohnter Netflix- oder Spotify-Manier zahlen: 9,99 Dollar kostet das Abo im Monat. Wer sich gleich für ein Jahr entscheidet, spart die Hälfte der Kosten und kommt für 60 Dollar beziehungsweise 49 Euro zum Zug. Dafür bekommen die Leser einiges geboten: durchschnittlich 1.200 Artikel von rund 1.800 Journalisten rund um den Erdball – pro Woche.

The Athletic: Wachstum nach den Spielregen des Silicon Valley

Der für die Branche ungewohnte Gigantismus hat, wie das Geschäftsmodell, seine Wurzeln in Kalifornien. Tatsächlich gibt es aktuell wohl kein zweites journalistisches Angebot, das stärker nach den Spielregeln des Silicon Valley vorangetrieben wird als The Athletic.

Gegründet wurde das US-Sportportal für die mobile Ära von Alex Mather und Adam Hansmann, zwei sportbegeisterten Führungskräften bei Strava, einer beliebten Tracking-App für Laufen, Radfahren und andere Sportarten. Mathers und Hansmanns Hypothese war klar: Es musste auf dem US-Markt noch Platz für ein umfassenderes Sportangebot als den Bleacher Report und ESPN geben. „Jemand muss aus der Umkleidekabine berichten , erklärt Mather gegenüber dem Finanzinformationsdienst Bloomberg die Motivation hinter The Athletic.

Bewertung von 500 Millionen Dollar – höher als der Business Insider

Aufgrund ihrer Erfahrung beim Wagniskapital-Liebling Strava fiel es Mather und Hansmann, die ihr Start-up zunächst aus eigener Tasche finanzierten, leichter, Zugang zu den Kapitalströmen des Silicon Valley zu finden. Mit satten 90 Millionen Dollar Venture Capital ist das boomende Sportangebot mit Hauptquartier in San Francisco inzwischen ausgestattet. Und das zuletzt auf Basis der sehr sportlichen Bewertung von 500 Millionen Dollar – das ist höher als der Kaufpreis des Business Insiders 2015 – obwohl The Athletic noch nicht profitabel arbeitet.

Bereits eine Million zahlende Leser im Visier

Wie rechtfertigen Mather und Hansmann die Vorschusslorbeeren? Mit der einzigen Währung, die im Silicon Valley zählt: striktem Wachstum. Im Startjahr 2016 waren gerade einmal 3.500 Leser bereit, für die exklusiven Inhalte auf The Athletic zu bezahlen – zwölf Monate später waren es indes schon 90.000 Abonnenten. In den vergangenen 20 Monaten explodierten die Mitgliedschaften dann regelrecht: Ende 2018 verzeichnete das US-Sportportal 350.000 zahlende Leser, im August dieses Jahres waren es bereits 600.000  Abonnenten – zum Jahresende soll sogar die erste Millionenmarke fallen.

Damit würde The Athletic in Rekordgeschwindigkeit zum exklusiven Club des Digitaljournalismus aufschließen: Das altehrwürdige Wall Street Journal bringt es aktuell auf rund 1,8 Millionen digital-only-Abonnenten, Branchenprimus New York Times auf 3,4 Millionen zahlende Online-Leser – wohlgemerkt nach rund zwei Jahrzehnten im Web.

„Wir brauchen nicht die schnelle Schlagzeile“

Das Erfolgsgeheimnis hinter dem rasanten Nutzerzuspruch bei The Athletic ist das gleiche wie bei Netflix & Co.: Es ist datengetrieben. The Athletic kennt die Bedürfnisse seiner Leser sehr genau – und bedient erfolgreich Nischen-Themen und -Teams, über die im klassischen Sportteil sonst nicht berichtet wird.

„Wir brauchen nicht die schnelle Schlagzeile“, erklärt etwa Sportreporter Anthony Slater, der über Basketball-Champion Golden State Warriors berichtet. Stattdessen bekommen Leser Stunden nach einem Spiel eine ausgewogene Kolumne mit den fünf wichtigsten Erkenntnissen präsentiert – Qualitätsjournalismus, den die Leser von The Athletic auch im schnelllebigen iPhone-Zeitalter goutierten.

Der Autor

Nils Jacobsen
Nils Jacobsen
Nils Jacobsen ist Wirtschaftsjournalist und Techreporter in Hamburg. Der studierte Medienwissenschaftler und Buchautor („Das Apple-Imperium“ / „Das Apple-Imperium 2.0“ ) berichtet seit 20 Jahren über die Entwicklung der Aktienmärkte und digitalen Wirtschaft: seit 2008 täglich für den Branchendienst MEEDIA, in einer wöchentlichen Kolumne für Yahoo Finanzen und in monatlichen Reportagen für die Marketingzeitschrift absatzwirtschaft. Jacobsen war zudem als Chefredakteur der Portale CURVED, clickfish, US FINANCE und YEALD aktiv.