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Wie es dem Paywall-Pionier Financial Times gelang, die Millionen-Abonnenten-Marke zu durchbrechen

2019-05-17T09:26:39+02:0016.05.2019|Kategorien: Allgemein, Blog, International, Journalismus, Umfeldqualität|Tags: , , , , |

Es war die Überraschung des Mediensommers 2015: Die altehrwürdige Financial Times (FT) wechselte den Besitzer. Der Käufer erstaunte dabei so sehr wie der Preis: Für enorme 1,3 Milliarden Dollar erwarb der japanische Nikkei Verlag die britische Renommee-Wirtschaftszeitung auf lachsrosafarbenem Papier.

Der Kauf hat sich gelohnt. Das inzwischen 131 Jahre alte Vorzeigeblatt des Wirtschaftsjournalismus befindet sich weiter auf Erfolgskurs und seit der Übernahme vor knapp vier Jahren in der Geschäftsentwicklung kontinuierlich auf Wachstumskurs. Im vergangenen Geschäftsjahr konnte die Financial Times Group 383 Millionen Pfund (502 Millionen Dollar) erlösen und dabei einen Nettogewinn von 25 Millionen Pfund (33 Millionen Dollar) einfahren.

Die Financial Times setzt seit 17 Jahren auf Paid Content

Maßgeblichen Anteil hat daran das Paid Content-Modell, das bei wohl keiner anderen Qualitätszeitung eine so frühe Verankerung in der Digitalstrategie gefunden hat und inzwischen schon für 55 Prozent der Konzernumsätze verantwortlich ist. Bereits 2002 führte die FT als erste der großen Wirtschaftszeitungen eine Paywall ein, fünf Jahre später folgte das sogenannte ‚Metered Model’, bei dem eine bestimmte Anzahl von Premium-Inhalten kostenlos angeboten werden. Seit 2015 lockt die FT Leser zusätzlich mit einem verfeinerten Abo-Modell – inklusive Schnupper-Abo ab einem Euro in den ersten vier Wochen.

Lohn der langfristigen Bezahlstrategie: Die Verkündung des einmillionsten zahlenden Lesers Anfang April 2019. „Wir haben den Meilenstein durch die Entwicklung einer Erfolgsstrategie erreicht, die von unserem Eigentümer Nikkei geteilt und unterstützt wird“, feierte CEO John Ridding den Durchbruch durch die Millionen-Marke, der die britische Wirtschaftszeitung in eine Liga mit der New York Times, der Washington Post und dem Wall Street Journal hievt.

Drei Viertel der Abos sind digital

„Mit unserer Pionierarbeit bei der Entwicklung eines Abonnentenmodells und unseren Investments in die digitale Transformation haben wir bewiesen, dass Qualitätsjournalismus gleichzeitig ein Qualitäts- und Wachstumsgeschäft sein kann“, erklärt Ridding. „In einer Zeit von Fake-News, Sensationslust und Polarisierung in den Medien haben wir den dauerhaften Wert einer unabhängigen, maßgebenden und zuverlässigen Berichterstattung und Analyse demonstriert“, stellt der 53-Jährige klar.

Und das anno 2019 in erster Linie digital. Bereits drei Viertel der Gesamtauflage, die zu 70 Prozent im Ausland zirkuliert, wird durch Digital-Abonnements bestritten, während die Print-Ausgabe weiter profitabel operiert. „So sehen langfristige Planung und langfristiges Investment aus“, erklärt Douglas McCabe, CEO beim Marktforscher Enders Analysis, gegenüber dem Branchenmedium DigiDay den Marathon-Erfolg der Financial Times, die unter Chefredakteur Lionel Barber im vergangenen Jahr fast 50 Journalistenpreise abgeräumt hat – darunter „Zeitung des Jahres“ und „News Team des Jahres“ beim British Press Awards.

Datengetriebenes Erfolgsgeheimnis

Ein maßgeblicher Teil des publizistischen Erfolgs beruht auf tiefgreifender Datenanalyse. „Alles ist datengetrieben“, erklärt Nic Newman, Herausgeber des Reuters Institute Digital News Report. Newman meint damit das sogenannte „Audience Engagement Team“, das mit Hilfe von ausgeklügelten Analyse-Tools auswertet, wie lange sich Abonnenten auf der Seite aufhalten, welche Artikel sie wie lange lesen oder wie sie auf die Seite gekommen sind.

Platz für Abonnenten-Wachstum scheint unterdessen weiter reichlich vorhanden. „Unsere Möglichkeiten liegen weit, weit über einer Million“, stellt CEO John Ridding klar. Douglas McCabe sekundiert: „Die Erhebungen des Reuters Institutes zur Kaufwahrscheinlichkeit von Online-Nachrichten zeigen, dass knapp unter fünf Millionen Menschen in Großbritannien bereit sind, für den Zugang zu News zu bezahlen. Wir haben die Grenze also noch lange nicht erreicht“, malt der Enders Analysis-CEO für den lachsfarbenen Pionier des Wirtschaftsjournalismus rosarote Zukunftsperspektiven.

Der Autor

Nils Jacobsen
Nils Jacobsen
Nils Jacobsen ist Wirtschaftsjournalist und Techreporter in Hamburg. Der studierte Medienwissenschaftler und Buchautor („Das Apple-Imperium“ / „Das Apple-Imperium 2.0“ ) berichtet seit 20 Jahren über die Entwicklung der Aktienmärkte und digitalen Wirtschaft: seit 2008 täglich für den Branchendienst MEEDIA, in einer wöchentlichen Kolumne für Yahoo Finanzen und in monatlichen Reportagen für die Marketingzeitschrift absatzwirtschaft. Jacobsen war zudem als Chefredakteur der Portale CURVED, clickfish, US FINANCE und YEALD aktiv.