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Tech-Trends: Die Audio-Wette der New York Times

2019-06-05T10:39:02+02:0023.05.2019|Kategorien: Allgemein, Blog, International, Journalismus, Umfeldqualität|Tags: , , , , |

Es läuft wie geschmiert bei der New York Times. Anfang Februar 2019 verkündete der 167 Jahre alte Traditionsverlag für das vierte Quartal des vergangenen Geschäftsjahres einen Nettogewinn von 57 Millionen Dollar und einen Zugewinn von stolzen 265.000 Digitalabonnements – in gerade einmal 92 Tagen. Lohn des Triumphzugs: Die Aktie der US-Renommierzeitung notiert aktuell so hoch wie seit dem Frühjahr 2005 nicht mehr.

Das Erfolgsgeheimnis des von CEO Mark Thompson geführten Medien-Powerhouses an der Eighth Avenue ist hinlänglich bekannt: Die NYT hat so konsequent wie wohl kein zweiter Verlag seine digitale Transformation vorangetrieben. So soll der Abonnentenstamm bis 2025 gar auf 10 Millionen wachsen – zum Löwenanteil durch Digitalabos.

T Brand Studios: Sprudelnde Erlöse durch Native Advertising

Allein: Nicht nur durch erstklassigen Journalismus, der immer mehr Abonnenten und Werbekunden anlockt, verbucht die New York Times Company Umsatz- und Gewinnzuwächse, sondern auch durch ein relativ neues Geschäftsfeld. So ist der Content Marketing-Arm T Brand Studios, der von Adobe über Netflix bis Spotify Native Advertising-Inhalte für alle Mediengattungen produziert, zur zusätzlich sprudelnden Erlösquelle geworden.

Dass die New York Times über T Brand Studios auch vom großen Audio-Boom profitieren will, machen zahlreiche Ankündigungen zu Jahresbeginn deutlich. Demnach soll die 175-köpfige Content-Unit für Amazons digitale Sprachassistentin Alexa für interessierte Kunden sogenannte Skills – Anwendungen – entwickeln, die per Sprachbefehl auf einem smarten Lautsprecher gesteuert werden können. Das von Sebastian Tomich geführte Team konnte dabei als erste große Marke die Volkswagen-Tochter Audi gewinnen.

Entwicklung von Skills für Alexa

In einer dreimonatigen Feldstudie hat die NYT zuvor herausgefunden, dass Audio aus Verbrauchersicht als angenehmere Technologie-Gattung empfunden wird als etwa Social Media, weil es responsiv ist und Nutzer nicht dazu verleitet, sich in anderen Medien und Newsfeeds zu verheddern.

Um ihre Vorreiterrolle bei der noch jungen Tech-Anwendung zu untermauern, hat die NYT vor wenigen Monaten selbst zahlreiche Skills gestartet, die auf dem höchst erfolgreichen Podcast „The Daily“ basieren, der als Goldstandard nachrichtlicher Audio-Angebote gilt und im vergangenen Jahr bereits mehr als 10 Millionen Dollar an Anzeigenerlösen eingespielt hat.

Flash-Briefings und Nachrichtenquiz – Audio-Mehrwert für NYT-Leser

Über von Alexa gesteuerte Smartspeaker können Nutzer seit Jahresbeginn täglich neue Nachrichtenüberblicke in der Länge von drei Minuten abrufen, die von „The Daily“-Podcaster Michael Barbaro moderiert werden, wenn Zuhörer die Frage stellen: “Alexa, what’s in the News?” oder “Alexa, what’s my Flash Briefing?“

Doch damit nicht genug: Die NYT hat bereits zusätzliche Skills entwickelt, um ihren Lesern Audio-Mehrwert zu bieten. Jeden Freitag können Alexa-Anwender in einem Nachrichtenquiz ihr Wissen über die Lage der Welt testen.

Zusammenspiel Audio und Print

Der vielleicht interessanteste Skill erscheint indes im Zusammenspiel mit der Print-Ausgabe. Jeden Sonntag finden Leser in der NYT Sprachbefehle für Alexa, mit denen sie weiterführende Informationen zu Artikeln finden – etwa im Reise-, Musik- und Literaturbereich. „Wir haben gerade erst mit der Erkundung begonnen, wie sprachgesteuerte Technologie Times-Journalismus zu unserer Leserschaft bringt – und zwar wo und wie sie es will“, verbreitet die Stellvertretende NYT-Chefredakteurin Monica Drake Audio-Aufbruchstimmung.

Der Autor

Nils Jacobsen
Nils Jacobsen
Nils Jacobsen ist Wirtschaftsjournalist und Techreporter in Hamburg. Der studierte Medienwissenschaftler und Buchautor („Das Apple-Imperium“ / „Das Apple-Imperium 2.0“ ) berichtet seit 20 Jahren über die Entwicklung der Aktienmärkte und digitalen Wirtschaft: seit 2008 täglich für den Branchendienst MEEDIA, in einer wöchentlichen Kolumne für Yahoo Finanzen und in monatlichen Reportagen für die Marketingzeitschrift absatzwirtschaft. Jacobsen war zudem als Chefredakteur der Portale CURVED, clickfish, US FINANCE und YEALD aktiv.